Von Seelenlosigkeit hin zu Objekten mit Bedeutung

Von Seelenlosigkeit hin zu Objekten mit Bedeutung

Geschrieben von: Rebecca Morosi, Gründerin von cavaliga

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Lesezeit 4 min

Wird alles um uns herum immer seelenloser?


Warum Dinge mit Geschichte heute mehr zählen denn je.


Ich bin schon oft durch neu gebaute Straßen gelaufen. Glasfassaden, symmetrische Balkone, ein Farbschema aus drei Grautönen. Jedes einzelne Gebäude war korrekt. Nichts daran war falsch. Und trotzdem konnte ich mich an keines davon erinnern, kaum dass ich um die Ecke gebogen war. Als hätte jemand die Architektur durch einen Filter gezogen, der alles entfernt, was nicht unbedingt gebraucht wird — und damit auch das, was man sich merkt.


Das ist keine Nostalgie für „früher war alles schöner". Es ist eine Beobachtung, die sich wiederholt: in der Architektur, im Produktdesign, in Wohnungen, in Cafés, die sich langsam einander annähern. Überall dieselbe Bewegung — weg vom Besonderen, hin zum Optimierten. Weg von der Handschrift, hin zur Vorlage.

Die große Vereinheitlichung

Als Künstlerin sehe ich dieses Muster inzwischen überall.

Möbelhäuser verkaufen dasselbe skandinawisch-neutrale Regal in dreißig Ländern. Cafés sehen aus, als hätte ein einziges Moodboard die ganze Stadt kuratiert. Selbst Verpackungen konvergieren zu cremefarbenem Karton mit dünner Serifenschrift, egal ob darin Kaffee, Vitamine oder Kerzen liegen.


Man könnte sagen: Das ist einfach guter Geschmack, der sich durchsetzt.

Aber guter Geschmack, der überall gleich aussieht, ist kein Geschmack mehr — er ist ein Standard. Und Standards sind für Effizienz gemacht, nicht für Bedeutung. Was rationalisiert wird, verliert fast immer als Erstes seine Ecken, seine Besonderheiten, seine Herkunft. Genau die Dinge, an denen wir uns eigentlich festhalten.

Das haben wir schon einmal erlebt

Die Geschichte kennt diesen Moment bereits. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung plötzlich erlaubte, fast alles maschinell und identisch herzustellen, entstand als Gegenbewegung die Arts-and-Crafts-Bewegung um Denker wie William Morris und John Ruskin. Ihr Argument war nicht rein ästhetisch. Es war moralisch: Ein Gegenstand, an dem keine menschliche Entscheidung mehr sichtbar ist, entfremdet nicht nur den, der ihn herstellt — sondern auch den, der ihn benutzt.

Heute stehen wir an einer vergleichbaren Kreuzung, nur schneller und globaler. Mengendesign, generative Bilder, Vorlagen für alles von Logos bis Liebesbriefen — die Werkzeuge sind neu, das Muster ist uralt: Je leichter etwas vervielfältigt werden kann, desto mehr verschwindet die Spur der Hand, die es gemacht hat.

Die Gründerin von cavaliga mit den Skulpturkerzen SOAVE

Warum uns das wirklich etwas ausmacht

Hier kommt der Teil, der mich am meisten interessiert: Das ist keine ästhetische Marotte. Es lässt sich psychologisch erklären, warum uns seelenlose Umgebungen erschöpfen. Der Konsumpsychologe Russell Belk prägte den Begriff des „extended self" — der Idee, dass Menschen einen Teil ihrer Identität in die Dinge legen, die sie besitzen und umgeben.

Ein Journal mit Bedeutung am Meer

Ein Gegenstand, der austauschbar ist, kann diese Funktion nicht erfüllen. Er lässt sich nicht „bewohnen". Wenn eine ganze Wohnung, eine ganze Straße aus solchen Gegenständen besteht, verliert der Raum seine Fähigkeit, irgendetwas über uns zu erzählen — und wir verlieren einen stillen, aber wichtigen Anker.


Dazu kommt, was Verhaltensforscher als IKEA-Effekt bekannt gemacht haben: Menschen bewerten Dinge systematisch höher, wenn sie erkennbar Arbeit, Zeit oder Entscheidungen enthalten — selbst wenn das Ergebnis objektiv unperfekter ist als die makellose Massenware daneben.


Wir sind nicht auf Perfektion programmiert. Wir sind auf Spuren programmiert. Und dann ist da noch die Forschung zur Authentizität von Psycholog:innen wie George Newman und Paul Bloom: Menschen empfinden ein handgefertigtes Original als grundlegend anders — wertvoller, bedeutsamer — als eine technisch identische Kopie, selbst wenn sie den Unterschied nicht sehen können. Es reicht zu wissen, dass eine Geschichte, eine Hand, ein Moment dahintersteckt.

Wir haben nichts gegen Funktion. Wir haben etwas gegen Funktion, die glaubt, Bedeutung sei verzichtbar.

B.K.S Iyengar

Bedeutung ist kein Luxus — sie ist ein Grundbedürfnis

Es ist verlockend, das alles als Geschmacksfrage abzutun. Aber wenn man sich anschaut, wie viele Menschen heute von „innerer Leere", von einer diffusen Erschöpfung sprechen, obwohl objektiv „alles stimmt" — die Wohnung ist neu, die Möbel sind hochwertig, nichts ist kaputt —, dann lohnt sich die Frage, ob unsere Umgebung dabei eine Rolle spielt.


Räume und Objekte mit Bedeutung, die keine Geschichte tragen, geben uns auch nichts zurück, an das wir uns wenden können, wenn wir zur Ruhe kommen wollen. Sie sind neutral. Und Neutralität, dauerhaft konsumiert, fühlt sich irgendwann wie Leere an.

Das ist der eigentliche Grund, warum Handarbeit, Materialität und sichtbare Herkunft gerade jetzt wieder an Bedeutung gewinnen — nicht als Trend, sondern als eine wohl psychologische Notwendigkeit. Wir suchen Objekte, die uns etwas zurückgeben: eine Unregelmäßigkeit, ein Material, das erzählt, woher es kommt, eine Form, die eine Hand und keine Maschine gezeichnet hat.

Kurz gesagt:

Bedeutung ist kein Luxus — sie ist ein Grundbedürfnis unserer Seele.
Coffee Table Book mit Davide - kunstvoll

Je leichter etwas vervielfältigt werden kann, desto mehr verschwindet die Spur der Hand, die es gemacht hat.

B.K.S Iyengar

Handarbeit als leiser Widerstand

Wenn Objekte mit Geschichte uns guttun, dann lohnt es sich, genau solche Objekte herzustellen — bewusst, langsam, mit sichtbarer Hand.


Jede Kerze bei cavaliga wird von Hand gegossen, in Formen, die von der Bildhauerei Italiens und meiner Sehnsucht nach Sizilien inspiriert sind — Oberflächen, die nicht makellos glatt sind, sondern die kleinen Unregelmäßigkeiten tragen, die nur beim Arbeiten mit der Hand entstehen. Keine zwei sind exakt gleich. Das ist kein Kompromiss bei der Qualität — das ist der Punkt.

Die Antwort liegt nicht in Verzicht auf Funktion, sondern in der bewussten Wahl von Dingen mit Geschichte.

B.K.S Iyengar

Eine Form, die durch eine Entscheidung, eine Bewegung entstanden ist, trägt genau jene Spur, die eine Massenware niemals haben kann, egal wie perfekt sie produziert wird. Und dann ist da noch das Ritual selbst: eine Kerze anzuzünden ist eine der letzten bewusst analogen Handlungen im Alltag. Kein Bildschirm, keine Benachrichtigung, kein Optimierungsversprechen. Nur Licht und deine Präsenz.

Rebecca, die Gründerin von cavaliga mit der Skulpturkerze DAVIDE

In einer Welt, die immer schneller, glatter und austauschbarer wird, ist das kleine, bewusste Innehalten selbst schon eine Form von Widerstand.


Vielleicht ist die Antwort auf die Eingangsfrage also gar nicht, ob alles um uns herum seelenloser wird. Sondern ob wir bereit sind, uns wieder bewusst für Dinge zu entscheiden, die eine Seele haben.